Two people in love spending time together

Liebe auf den ersten Blick: Wenn die Bio-„Chemie stimmt“

4. November 2016

Erfolglos anbandeln? – dafür wurde Goethes’ Faust berühmt, als er die unbekannte Schöne auf der Straße anspricht „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?“ und auf der Stelle eine Abfuhr bekommt. Gretchen erklärt ihm klar und konkret, dass sie weder schön noch ein Fräulein ist und auf alle Fälle allein nach Hause gehen kann. 

Jede Frau von Heute würde noch genau so reagieren wie zu Geheimrat Goethes Zeiten. Denn Attraktion und Flirt sind ein oder der wichtigste Einstieg in’s Verlieben.

Selbst wenn das Ziel ein unverbindlicher One-Night-Stand war— nicht selten entsteht aus Sex die Liebe. Und warum das so ist, sehen wir uns jetzt an.

Einige Infos vorab: 

1. Menschen wollen Sex und Liebe nicht weil es so schön ist sondern weil Nachkommen entstehen sollen. 

2. Diese Nachkommen sollten genetisch möglichst gesund und stark und damit lebensfähig sein.

3. Auch wenn ein Mann theoretisch 2000 Kinder in seinem Leben zeugen könnte so ist es doch sinnvoller, ein Kind (=Träger seines Genoms) nicht nur zu er-zeugen sondern auch sicherzustellen, dass es lebensfähig ist. Das heißt: es ist evolutionshistorisch vorteilhaft, zumindest eine gewisse Zeit zu seiner Entwicklung aktiv beizutragen. Das ist deshalb entscheidend, weil menschliche Baby’s nicht mit der Geburt selbst lebensfähig sind (so wie es bei manchen Tierarten der Fall ist).

4. Da für Frauen die Investition in eine Schwangerschaft viel höher ist als für einen Mann (Frauen können vergleichsweise nur ca. 20 Kinder in einem Leben haben), sind die Frauen diejenigen, welche bei der Partnerwahl selektiv sind. Sie wählen und entscheiden mit wem sie Sex haben, und nicht umgekehrt, wie es Männer oft glauben wollen. 

Was das für die Attraktion bedeutet:

Seitdem die Genforschung in der Medizin einen wichtigen Stellenwert eingenommen hat, weiß man dass das Genom beider Elternteile möglichst ergänzend sein soll. Ist es zu ähnlich, so wird der Genpool des Nachkommen eher eng bzw. eingeschränkt und seine Überlebenschancen sind geringer. So stellt die Natur es an, dass wir den genetisch passenden Partner wählen: 

Schon bevor wir einen Menschen als potentiellen Partner auswählen, spielen unsichtbare Stoffe, die diese Person verströmt, eine kommunizierende Rolle. Die Gruppe der Pheromone (frei aus dem Griechischen übersetzt bedeutet der Begriff ‚Erregungsbringer’) wurde erstmals vom deutschen Biochemiker Peter Karlson und dem Schweizer Martin Luscher im Jahr 1959 nachgewiesen und gezeigt, dass sie die Funktionen einer zwischenmenschlichen Kommunikation (beruhigend, alarmierend, stimulierend, etc.) erfüllen. Wenn bestimmte dieser Moleküle vom anderen Geschlecht wahrgenommen werden, dann aktivieren sie den Hypothalamus und den Nukleus preopticus im Gehirn, wodurch der Herzschlag beschleunigt, die Schweißproduktion gesteigert und ein Gefühl der sexuellen Erregung entstehen.1

Eine weitere interessante Forschung zur Attraktion ist die sog. ‚Verschwitztes T-Shirt Studie’, die vom Schweizer Forscher Claus Wedekind2 1995 veröffentlicht wurde: Männer trugen dasselbe T-Shirt für mehrere Tage. Dann sollten Frauen aufgrund des Geruchs jenes T-Shirt auswählen, welches auf sie sexuell besonders stimulierend wirkte. Die darauffolgende genetische Untersuchung der Frauen und Männer zeigte, dass die Frauen den Geruch jener Männer am stimulierendsten empfanden, deren Haupthistokompatibilitätskomplex (Abk. MHC) sich am meisten vom eigenen unterscheidet aber kompatibel ist. Der MHC umfasst eine Gruppe von Genen, die für die Immunerkennung und Gewebeverträglichkeit eine Rolle spielen. 

Offensichtlich enthält der Schweiß informationstragende Substanzen, die es erlauben, den differierendsten MHC eines potentiellen Partners/in wahrzunehmen, zu entschlüsseln und darauf zu reagieren. 

Umgekehrt: Frauen, die gerade in der empfängnisfähigen Zeit des Eisprungs sind, wirken auf Männer ganz besonders attraktiv (wie Studien in Bordellen haben gezeigt, dass Striptease-Tänzerinnen während des Eisprung am meisten Trinkgeld bekommen). Eine wichtige Rolle dabei spielt das Pheromon Copulin. Es handelt sich um fünf flüchtige Fettsäuren, die bei der Frau in der fruchtbaren Phase des Zyklus produziert und über die Sekrete der Vagina freigesetzt werden.  Die Frau erscheint Männern während der Zeit ihres Eisprungs attraktiver und begehrenswerter, der Testosteronspiegel bei Männern steigt und sie zeigen ein werbendes ‚Paarungsverhalten’.3

Aber auch Frauen bevorzugen während des Eisprungs jene Männer, die offenbar ein höheres Testosteronniveau haben. Gebundene Frauen sind dann auch eher bereit für einen Seitensprung. Manche würden sagen: sie präferieren einmal im Monat, banal und vereinfacht ausgedrückt, den draufgängerischen, eher unbeständigen Muskelprotz. Außerhalb des Eisprungs geht es ‚Kommando zurück‘ und der verlässliche Partner, der Vatertyp hat seinen Stellenwert wieder. Die Einnahme von Kontrazeptiva hat in dieser Hinsicht einen besonderen Einfluss auf dieses Verhalten der Frau. Weil dem Körper eine Schwangerschaft vorgetäuscht wird und keine fruchtbaren Tage im Zyklus mehr bestehen, bevorzugen sie eher einen fürsorglichen und ruhigen Mann. Der Einfluss auf Dauer und Intensität des Zusammenlebens wurde ebenso bewiesen: Frauen, die die Pille  nehmen, erleben eine weniger aufregende aber dafür dauerhaftere Partnerschaft. Frauen ohne Medikation erleben intensivere, interessantere aber dafür problematischere Partnerschaften, die weniger lange andauern. 

Aber jetzt ‚funkt‘ es: 

Das alles spielt sich unter der Wahrnehmungsschwelle ab. Passt dieser erste Check grundsätzlich, dann funkt es bei ihr. Je besser es passt, desto intensiver spürt sie die Anziehung zu diesem Mann. 

Auch wenn die Frau sich cool gibt und sich gar nichts anmerken lässt – ihr Blick verrät sie. Denn bei einer Frau, die sich von einem Mann angezogen fühlt, weiten sich die Pupillen. 

Die antiken Römerinnen wussten, warum sie sich das pupillenerweiternde Belladonna in die Augen träufelten. Dem Mann signalisiert das Interesse. Wenn er eine solche Reaktion bei einer Frau bemerkt, dann hat er gute Karten wenn er sie anspricht. Und der Flirt kann beginnen. 

Mit diesem Hintergrundwissen versteht man, warum Faust bei Gretchen erstmal so massiv abgeblitzt ist und dass auch heute noch jene Männer die besseren Chancen haben, die erstmal den Blickkontakt checken und dann erst mit Takt, Gefühl und einer Prise Humor ihr Glück versuchen.  

Text: Claudia Kowatsch, Gaia Vitali


1  Griffith, L.C.Neuroscience: love hangover, Nature 451, 24-25 (2008)

2  Wedekind, C., Furi, S.: Body odour preferences in men and women: do thei aim for specific MHC combinations or simply heterozygosity? Proc.Biol.Sci 264, 1471-1479 (1997).

3  Steinbach, X. et al.: Human pheromones: Do ‚copulins’ have an effect on men’s testosterone levels and social behavior?, Paper for ISHE Conference, Vienna, 2013.