Fremdgehen, beste Freundin, Seitensprung, Untreu

„Eine/r ist mir nicht genug“ – der Coolidge Effekt.

23. August 2017

Viele wissen aus eigener leidvoller Erfahrung: einer der wichtigsten Gründe für Trennungen und Liebeskummer ist die Untreue des/r Partners/in. 

Doch warum entsteht die Lust auf einen Seitensprung sogar in gut funktionierenden Partnerschaften? In diesem Blog wollen wir über ein Phänomen sprechen, das die Wissenschaft den Coolidge-Effekt nennt. 

Wer kennt dieses Gefühl nicht: das Leben ist perfekt – man fühlt sich wohl, geborgen und ausgeglichen in der Beziehung. Dann passiert es: ein neuer Kollege kommt ins Büro oder im Fitness-Center trainiert eine Frau – und plötzlich ist da der Funke, der die sexuelle Phantasie anheizt. Man spürt förmlich, wie gegebene Treueversprechen zu bröckeln beginnen; in die Gedanken an das alltägliche Leben spinnen sich Träumereien von Nähe und Intimität mit dieser Person. 

Obwohl dieses Thema stark mit Tabus behaftet ist, spricht die Statistik eine deutliche Sprache: in immerhin ca. 50% der Partnerschaften kommt es zum Seitensprung. 

Was die Forschung dazu sagen kann
Was die Fortpflanzung betrifft, sollten wir den Menschen einfach als Säugetier sehen. Daher beobachten Forscher auch Tiere, um mehr über diese Mechanismen zu erfahren. 1956 wurde im Labor festgestellt, dass Rattenmännchen die Weibchen, welche man zu ihnen in den Käfig gab, in den ersten Tagen häufig paarten. Nach relativ kurzer Zeit aber dauerte es immer länger, bis das von der Paarung erschöpfte Männchen sich wieder erholte und neuerlich zur Paarung bereit war. Die Forscher deuteten dies als Erlöschen seines sexuellen Interesses, denn schließlich raffte der Nager sich gar nicht mehr auf.1) Als aber schrittweise neue Weibchen zu ihm in den Käfig gegeben wurden, kam seine Lust zurück.

Eine neuere Studie2) ging weiter und zeigte, dass Rattenmänner, die täglich ein anderes Weibchen in den Käfig bekamen, in den ersten Tagen sehr interessiert und erregt waren, was an der hohen Bildung von Testosteron, einer großen Menge an Ejakulat sowie an der Häufigkeit der Kopulation abzulesen war. Aber schon nach wenigen Tagen gingen diese Werte kontinuierlich zurück. Vor allem das Sexualhormon Testosteron fiel, trotz des hohen Angebots an Damen, unerwartet rasch auf den Wert nicht sexuell aktiver Männchen. 

Wie entsteht das gesteigerte Interesse an neuen Sexualpartnern?
Die Lust auf ständig wechselnde Sexualpartner wird vom ‚Belohnungszentrum‘ (Area tegmentalis ventralis) im Gehirn gesteuert. Anhand von MRTs an Ratten konnten Forscher zeigen: je häufiger sich diese mit nur einem Weibchen paarten, desto geringer war der Dopamin-Impuls im Gehirn der Nager und parallel sank der Reiz, den ihre Partnerin auslöste. 

Gibt’s dasselbe auch für die Damenwelt?
Dass Frauen mit der Zeit die Lust am Partner verlieren, ist in den meisten Ehen ein sehr großes Problem. Obwohl in der Forschung weit weniger Studien an Tieren mit genau umgekehrten Settings gemacht wurden, zeigt sich doch deutlich, dass es auch in der Damenwelt vergleichbar aussieht. Beispiel: immer dasselbe Männchen und Hamsterdamen verlieren rasch das Interesse. Betritt ein neuer Sexualpartner ihre Käfigwelt, dann ist ihre Lust wieder voll entflammt und sofort geht das Weibchen in Paarungsstellung. Wird danach das erste Männchen wieder in den Käfig gegeben, ist sie desinteressiert wie zuvor. Ist es aber ein drittes, neues Männchen geht der Liebesreigen wieder von vorne los.3)

Wie der Effekt zu seinem Namen kam
Bezugnehmend auf seine Studien publizierte der Verhaltensendokrinologe Frank Beach1) den Begriff „Coolidge effect“. Dieser bezieht sich auf einen Scherz über einen amerikanischen Präsidenten namens Coolidge, der mit seiner Frau eine Hühnerfarm besichtigte. Frau Coolidge beobachtete, dass der Hahn sexuell sehr aktiv war und erfuhr, dass er 12 mal pro Tag kopulierte. Frau Coolidge bestand darauf, dass man auch ihren Mann darauf hinweisen solle. Als dieser das erfuhr fragte er: „Jedes mal diesselbe Henne?“„Nein, jedesmal eine andere Henne,“ wurde ihm gesagt. Darauf antwortete der Präsident: „Sagen Sie das meiner Frau.“

Gibt es also keine Hoffnung auf Treue?
Betrachtet man wieder das Tierreich, so findet man Monogamie bei nur 3% der Arten. Und selbst diese sind gelegentlich untreu. 
Einige in die Forschung eingegangene berühmte Beispiele könnten aber Hoffnung geben: An der Präriewühlmaus-Stadtmaus Studie beispielsweise wurde gezeigt, dass die Präriemaus, im Unterschied zu ihrer genetisch praktisch idententen Verwandten, ständig von den ‚Treuehormonen‘ Oxytocin und Vasopressin gesteuert, einem/r Partner/in für immer treu bleibt. 

Nachdem die Treuehormone sich hauptsächlich beim Geschlechtsverkehr bilden, kann man nur jedem Paar raten, in der ersten Verliebtheit den Sex schön zu gestalten und intensiv zu genießen damit nur ja viel von diesem Hormon ausgeschüttet wird und beide sich fest und treu aufeinander prägen. 

  1. Frank A. Beach, Lisbeth Jordan: Sexual exhaustion and recovery in the male rat. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology, 1956, Vol 8, pp. 121-133, PY . doi: 10.1080/17470215608416811
  2. Leanne M. Shulman, Mark D. Spritzer: Changes in the sexual behavior and testosterone levels of male rats in response to daily interactions with estrus females. In: Physiology+Behavior, 2014, June 22/133: 8-13
  3. GL Lester, BB Gorzalka: Effect of novel and familiar mating partners on the duration of sexual receptivity in the female hamster, Behavioral Neural Biology, 1988, 49 (3): 398–405.