Kochen am Valentinstag

Essen und Genießen im Lust-Reich der Venus – Liebe auf anderer Ebene

14. Februar 2018

Wir danken für diesen wunderschönen Gastbeitrag von Dr. Ruediger Dahlke zum heutigen Valentinstag.

Laut Bibel erfolgt der Schritt aus dem Paradies in die polare Welt der Gegensätze durch Essen jenes berühmt berüchtigten Apfels. Also ist Verführung schon zu allem Anfang mit im Spiel. Was ist dieses Essen symbolisch gesehen, mit dem alle Entwicklung beginnt? Es ist das Einverleiben von Fremdem, um es zu Eigenem zu machen.
Wie die Geschichte der Menschheit beginnt auch unsere eigene individuelle mit Einverleiben, dem Einsaugen der Muttermilch. In den Monaten nach der Geburt tritt alles hinter dem Genährtwerden zurück. Baby erlebt und genießt im Wesentlichen durch Mund und Bauch. Der Saugreflex ist einer der ersten und wichtigsten. Selbst wenn es bereits krabbelt, steckt das Kind zuerst noch alles in den Mund. Vor allem möchte es wissen, wie das Leben schmeckt. Alle Schmerzen und Probleme erlebt das Kleinkind über den Bauchnabel und die entsprechenden Bauchschmerzen in seiner Mitte. Bauch und genaugenommen Magen sind der Nabel der kindlichen Welt.
Auch die Liebe erlebt das Neugeborene ganz natürlich über Mund und Magen. Mit dem warmen, süßen Milchstrom fliesst der Einfluß des venusischen Prinzips ins Leben: Baby saugt bereits an der gleichen Brust, an der auch die Erwachsenen (Männer) auf der Suche nach Liebe saugen. Wo es dem Kind um die süße, nährende Milch geht, kostet der Mann die süße Liebe der begehrten Frau. Saugen steht zu Beginn und ab der Pubertät dann wieder an zentraler Stelle des Liebesgeschehens und damit das Einverleiben. Auch alle wesentlichen Aspekte des Liebesspiels spielen sich an Körperöffnungen ab und kreisen um die Themen Aufnehmen und Eindringen.

Liebe und Essen sind auch sprachlich nahe: Die Sehnsucht, sich zu öffnen und Fremdes hereinzunehmen spiegelt den Urwunsch des Menschen, zum Ursprung, zur Einheit des Paradieses, zurückzukehren. Das Einheitsgefühl beim Orgasmus läßt für einen kurzen Moment die runde Vollkommenheit des Paradieses wieder aufleben. Durch den Genuß der verbotenen Frucht war dieser Paradieszustand verspielt worden, in der Liebe kehrt er wenigstens für Augenblicke zurück. Essen bis zur Kugelgestalt bringt ihn nur äusserlich und damit unbefriedigend zurück. Symbolisch sind körperliche Liebe und körperliches Essen sich entsprechende sinnliche Vorgänge.

Milch und Liebe gleichzeitig an der Mutterbrust zu nuckeln, mag dem Kind paradiesisch erscheinen, fast wie im Schlaraffenland, wo ebenfalls Milch und Honig fließen, ohne dass man sich darum bemühen müsste. Bis sich zumindest das männliche Kind wieder Zugang zu jenem himmlisch weichen Platz am Busen verdient, muss es anstrengende Lernaufgaben bewältigen. Auch wenn Bewegungen, wie etwa die ersten eigenen Schritte, genussvoll erlebt werden, bleibt die orale Sphäre, was sinnlichen Genuss angeht, vorrangig. So wird auch das Abstillen leicht zum Problem: Baby will den Luxusplatz am Herzen der Mutter nicht freiwillig aufgeben. Ist ein kleines Geschwisterchen in Warteposition der Anlass, entzündet sich an der Brust oft das erste Eifersuchtsdrama. Es gleicht allen späteren, geht es doch bereits um Liebe, wenn auch deren nährender Aspekt noch ganz im Vordergrund steht.
Nach dem Abstillen suchen Mutter und Kind nach Ersatz. Während die Mutter zumeist den Partner wieder mehr zum Zuge kommen läßt, steigen Kinder gern auf den eigenen Daumen um. Nicht annähernd so weich und ergiebig wie die Brust der Mama, steht er dafür wenigstens immer zur Verfügung. Der Schnuller, an dem nach Herzens-Lust gesaugt und gelutscht werden kann, ist im wesentlichen eine Ersatzbrustwarze. Manche Kinder bemerken jedoch sofort, dass durch diesen Plastikersatz (genau genommen eine Brustwarzenplastik) weder Milch noch Liebe fließen und lassen sich nicht so leicht abspeisen. Die Milchflasche, ebenfalls von einem Schnuller gekrönt und zudem warme süße Milch spendend, wird naturgemäß bereitwilliger angenommen.

Hier beginnt nun ein zwiespältiger Weg: Die Liebe geht von Anfang an durch den Magen und oft nimmt sie auch später wieder diesen Weg. Findet sie allerdings keine entwickelteren Kanäle, kann die Mund-Magen-Strasse durchaus zur Einbahnstrasse werden. Denn der Schwerpunkt der Empfindung sollte allmählich vom Magen zum Herz wandern.
Natürlich muss jedes Kind von der Brust als Milch- und Lustquelle Abschied nehmen, bevor es sie wieder entdecken darf. Offenbar müssen wir schon in zartem Alter Verzicht üben, um reifere Formen der Lustbefriedigung zu finden, bleiben aber oft am Essensgenuss hängen oder fallen darauf zurück. Sobald herbere Zeiten anbrechen, kommen Süßigkeiten und Schleckereien ins Spiel (des Lebens). Süße Sachen verraten ihren Charakter als Liebesersatz sehr schnell. Erlebt das Kind etwas Schmerzliches, wo es früher in den Genuss der Brust kam, soll jetzt z.B. ein Lutscher die Tränen stillen. Sprachlich ist der Zusammenhang zwischen Liebe und Zuckerwerk so eindeutig, dass hier keinerlei Unterscheidung gemacht wird. Süße Mädchen, die zum Vernaschen reizen, Schokimäuse und Zuckerpuppen sprechen für sich. Das Ausmaß der Schleckereien ist der erhaltenen Liebe und Zärtlichkeit seitens der Eltern oft umgekehrt proportional und macht den Ersatzcharakter deutlich.
Empfänglich für Süßigkeiten sind und bleiben aber kleine wie große Kinder. Auch reifere Damen erhalten noch gerne süße Huldigung und Hinweise auf ihre verführerische Süße in Form von Pralinen, Konfekt und Bonbonnieren. Für süße Komplimente sind fast alle Menschen empfänglich und lassen sich nur zu gerne verführen und oft auch „vernaschen“. Stimmiger Weise begann die Schokolade denn auch ihre Karriere als Aphrodisiakum. Schmausen und Schmusen liegen nahe beieinander. Die Vor-Liebe für Süßigkeiten bzw. die verzehrende Sehnsucht verraten es.

Die Pubertät böte die Chance, die Genussbefriedigung von der Ernährung unabhängiger zu machen. Wer hier an Süßigkeiten kleben bleibt, stellt die Weichen auf Fülle statt Erfüllung. Ist Naschen bereits zur zweiten Natur geworden oder wie die Sprache weiss, in Fleisch und Blut übergegangen, wird der Übergang schwer. Auf körperlicher wie auf übertragener Ebene geht kaum etwas so schnell in Fleisch und Blut über wie Süßigkeiten. Leicht löslicher, hoch raffinierter Zucker geht sofort ins Blut, und man setzt unter seinem Einfluss schnell „Fleisch“ an, was wiederum dem fleischlichen Genuss abträglich ist. Zudem stillen Süßigkeiten den Hunger nicht, sondern führen zu weiterem Hunger. Ihre Form süßer Verehrung und Anbetung von Venus macht niemals satt und kennt letztlich nur FülIe, nicht aber Erfüllung.

Nach der Pubertät bleiben Essen und Liebe auf manche Weise Partner im erlösten wie im unbefriedigenden Bereich. Im «Bratkartoffelverhältnis» des Studenten zu seiner Wirtin ist die Liebe eng an Tisch und Bett gebunden. Traditionell war diese Beziehung immer nah, wenn auch nicht so beschränkt. Auch heute noch erwarten viele Männer, von ihren Frauen «liebend umsorgt» zu werden, was vorrangig auf «bekochen» zielt. Wenn sie ihm ein verführerisches Mahl bereitet, frisst er ihr aus der Hand, wie seinerzeit im Paradies. Jene Liebe, die durch den Magen geht, hat Eva fest unter ihrer Kontrolle. Die erotische Liebe ist Adam besonders in Zeiten des Stresses nicht so einfach schmackhaft zu machen, und so kommt es, dass der Feierabend eher mit einem kulinarischen als mit einem erotischen Gelage begangen wird, wobei wir dem Wort noch anhören, daß hier ursprünglich eher im Liegen gefeiert wurde.
Die intime Beziehung von Essen und Liebe enthüllen auch viele Flirttaktiken. Die Dame wird zum Essen eingeladen, auch und gerade wenn der Appetit viel weiter geht. Beim Abendessen kann man sich beschnuppern und die zeitlich näher rückende Nacht vorkosten. Die Angelegenheit eskaliert in vorgezeichneten Bahnen von Stufe zu Stufe und Sinnesorgan zu Sinnesorgan.

Anfangs können sie sich nicht sattsehen aneinander und berauschen sich am Klang ihrer Stimmen, danach kommt der Tastsinn zum Zuge und komplettiert das Fest der Sinnlichkeit. Vom ungemütlichen Stehen lädt er sie zum gemütlichen Beisammensitzen und bereitet den Schritt zum noch entspannteren und zugleich sinnlich-spannenden Liegen vor, womit die Verbindung von Tisch und Bett ein weiteres Mal deutlich wird. Vom genüsslichen Mahle mit Leib- und Lieblingsspeisen, sinnlich angeregt und vielleicht schon weinselig oder gar liebestrunken, entwickelt sich Tatendurst. Er trägt seine kostbare Eroberung auf Händen und ins nächste Bett, wo sie wonnetrunken den tiefsten Genuss kosten, den Venus auf dieser Ebene zu bieten hat. In ihrer Leiblichkeit erleben sie höchste Lieblichkeit, und in einer köstlichen Nacht empfängt sie ihn und vielleicht mehr. Möglicherweise wird ihre Liebe eine runde Sache und trägt Früchte. Dann ist die Vermählung der nächste Schritt und fordert ein Festmahl. Erst die Trennung von Tisch und Bett kann solch eine Vermählung wieder lösen.

Frühere Zeiten gingen mit den verschiedenen Ebenen und Verbindungen innerhalb des Venusreiches noch weit gekonnter um. Die sinnenfreudigen Römer legten sich bereits zum Essen nieder und Iiessen sich zugleich alle möglichen Sinne verwöhnen, sodaß sich der spätere Übergang ins Sinnnlich-Erotische fließender und harmonischer gestaltete. Die gebotenen Themen kamen ausnahmslos aus Venus‘ Reich – von exquisiten und oft üppigen Speisen über Musik und Tänze bis zum Ertasten und Erspüren üppiger Formen. Bis in unsere Zeit hat sich das Chambre séparée – wenn auch mit deutlichen Einbußen im Ruf – gehalten, wo die Liebe bis heute durch den Magen, aber auch ein gutes Stück tiefer geht.

Aphrodisiaka haben inzwischen an Bedeutung eingebüsst. Sie wurden nicht selten ein Opfer des sinnenfeindlichen Trends zu Fastfood und Pillen. Bis heute aber werden sie geschluckt und manchmal auch noch genossen: von asiatischem Ginseng bis zu chemischem Vitamin-E. Unsere Vorfahren waren hier noch mutiger und sinnlicher: Casanova tauschte die einschlägig beleumundeten glitschigen Austern mit seinen Gespielinnen noch von Mund zu Mund. Vor Schokolade und anderen Süßigkeiten wurde im 18. Jahrhundert noch im gleichen Atemzug wie vor sexuellen Ausschweifungen dringend gewarnt. Wir haben sie heute all dieses Zaubers beraubt, profanisiert und z.B. in der Schweiz zu einem Grundnahrungsmittel erklärt, allerdings ohne viel Erfolg was die Tiefen venusischer Gefilde angeht. Das prickelnde Gefühl des Champagnertrinkens haben wir uns dagegen mit samt seiner ursprünglichen Bedeutung erhalten. Bis auf den heutigen Tag verkörpert er für viele Menschen das sündhaft Teure und leicht-sinnig Sinnliche. Er hebt die Stimmung, bringt das Blut in Wallung und fördert die Lust am Venusischen.

Nahe liegt hier das Thema «Verführung», und wieder verbinden sich «Essen» und «Liebe» in trauter Gemeinsamkeit. Mann und Frau können zu Süßigkeiten auf beiden Ebenen verführt werden. Süße, verführerische Mädchen, die zum Anbeißen aussehen, werden zum gefundenen «Fressen» für die hungrigen Blicke des Verführers.

Bei vielen Spielarten der Sucht spielt Verführung herein – bei der Essleidenschaft wird dies besonders deutlich. Da die Esslust zwar füllt, aber nie erfüllt, verkommt diese Suche leicht zur (Fett)Sucht. Hunger und Sehnsucht bleiben ungestillt, es wird weitergegessen, ohne die Chance, je satt zu werden. Statt innerer Rundheit erlangt man äussere Kugelform nicht selten aus der Richtung „Kummerspeck“.

Die intime Beziehung von Liebe und Essen im Reich der Venus, die ihren gemeinsamen Nenner in der Lust findet, hat im Frust ihren natürlichen Gegenpol. So können unterschiedlichste Enttäuschungen zum Rückzug aus Venus‘ Reich (ver)führen. Angebote der Venus sind andererseits in diesen Situationen Balsam für angeschlagene Selbstwertgefühle und herrliche Trostpflaster für schmerzende Wunden. In solchen Augenblicken ließe man sich besonders gern mit Liebe verwöhnen, und die mag aus dem Kochtopf durch den Magen und unter die Haut gehen oder direkt von zärtlichen Händen kommen. Ist man von allen guten Geistern verlassen, drängt sich Selbstbefriedigung auf – und wieder geht die Palette der Möglichkeiten durch Venus‘ ganzes Reich, von süßem Zuckerwerk bis zu ebensolchen Phantasien.
Unter der erdrückenden Beweislast kann das Verhältnis von Essen und Lieben auf der Grundlage des Genusses als belegt gelten. Und dann wäre es natürlich naheliegend, sich dieses Themas bewusst anzunehmen, beide Bereiche mit Freude zu verbinden und sich ihner genießend hinzugeben.

Schönes Essen und nährende Liebe ergänzen sich wunderbar und es ist geradezu schade, wenn der eine Bereich dazu herhalten muß, den anderen zu vertreten. Natürlich können Verliebte von Luft und Liebe leben, aber sie können ebenso gut und besser in köstlichen Genüssen schwelgen zwischen ihren anderweitigen Liebesfesten. Das Leben zu feiern und diese Feste zu genießen, ist eine alte Tradition, die der Venus auf genussreiche Weise huldigt.

Diese Gedanken von Dr. Ruediger Dahlke sind auch in seinem Taschenbuch „Wenn Sex und Liebe sich wieder finden – die vergessene Polarität der Liebe“ enthalten.