narzissmus Ego Selbstverliebt

Narzissmus und die Unfähigkeit zu lieben

5. April 2017

Wie oft waren wir schon in einen Narzissten verliebt? Hatten wir schon mal das Gefühl, dass in unserer Beziehung etwas nicht stimmt weil wir dauernd geben und für diese Liebe kämpfen und trotzdem schaffen wir es einfach nicht, etwas aufzubauen. Diese Person, der wir so viel geschenkt und die wir sosehr bewundert haben, könnte ein Narzisst sein. 

Um zu verstehen, welche Problematiken sich hinter einer Beziehung mit einem Narzissten verbergen, müssen wir einen Schritt zurück machen und die Aspekte des Narzissmus verstehen und erkennen, wann diese pathologisch sind.

Der Ursprung des Begriffs Narzissmus kommt vom Namen Narziss, ναρκη (narkè, Narkose, Tiefschlaf, Taubheitsgefühl) und lässt uns bereits ahnen, dass der Narziss ein in sich gekehrtes Subjekt, taub gegen die Liebe und blind für den Anderen ist: er hat Augen nur für sich. Dieser Mythos hat uralte Wurzeln und bereits bei Ovid (lebte ca. zur Zeit Jesu) sind zwei Sichtweisen zu erkennen: auf der einen Seite kann man das Schicksal des Narziss, der sich in das eigene Spiegelbild verliebt, als bedauerlich sehen, weil er das reflektierte Bild als ein unerreichbares Wunschobjekt begehrt (spem sine corpore amat – [Narziss] liebt ein Traumbild/Hoffnung ohne Körper),  oder weil er diese Situation durchschaut und das Spiegelbild zwar als sein eigenes erkennt aber dennoch stirbt, weil er sich davon einfach nicht trennen kann. 

Jeder Narzisst braucht wiederum eine Echo, und somit entsteht die Basis für eine Liebe, die nie eine Liebe werden kann weil beide einander nicht mitteilen können: denn Narziss ist völlig unfähig, sich gegenüber dem Anderen (Alterität) zu öffnen weil er nur sich selbst sieht. In Echo begegnet er hingegen einem absolut selbstlosen Wesen, nur auf Narziss orientiert, ohne eigene Identität. Ihre Kommunikation beschränkt sich nur darauf, die Worte des Narziss zu wiederholen bzw. zu spiegeln. Alles endet in der Unmöglichkeit für beide, echte Zweisamkeit aufzubauen

Diese uralte Geschichte möchte verdeutlichen, dass für jede funktionierende Beziehung das richtige Verhältnis von Selbstbezogenheit (Identität) und Außenbezogenheit (Alterität) erforderlich ist. Tatsächlich ist es häufig so, dass der/die Partner/in, bezaubert von der Besonderheit, die ein Narzisst ihm/ihr vorgaukelt, offen alle ihre Schwachstellen zeigt. Ein Narzisst erkennt das sofort und nützt es voll aus, vor allem um zu verhindern, dass der/die Partner/in Aufwind und Kraft bekommt. Indem er den/die Partner/in demoralisiert und abwertet, bestätigt er sich laufend selbst und genau dies ist der fundamentale Aspekt des Narzissten. 

Ein Satz von Leo Buscaglia verdeutlicht: ‚ Wenn wir jemanden lieben, werden wir zum Spiegel für den anderen und wenn diese Liebe erwidert wird, erleben wir die Unendlichkeit.’

In der Regel sieht man sich selbst im Anderen und fühlt sich sofort von ihm verstanden und selbst versteht und kennt man den Anderen. Aber mit einem Narzissten gibt es dieses Gefühl nur als Einbahnstraße, weil ein Narzisst nicht verstanden und nicht erkannt sein will. Sondern er will nur bewundert werden. Er möchte, dass sein zerbrechliches, unsicheres Ego laufend durch Bewunderung genährt und gestärkt, aber niemals in Frage gestellt wird. Dies geht so lange, bis der/die Partner/in, so wie Echo in der Erzählung, erschöpft aufgeben muss und nicht mehr weiter kann. 

Wie kann man dies alles nun wissenschaftlich erklären?

Tatsächlich wurde nie eine Theorie entwickelt, die Narzissmus und Verlieben in Zusammenhang stellt, aber Cloniger verknüpft drei unabhängige Dimensionen (novelty seekingNeues suchen, NS; harm avoidanceLeidvermeidung, HA, und Abhängig werden, RD), die aber funktionell in Wechselbeziehung stehen, mit spezifischen neurobiologischen Substanzen, den Neuromodulatoren Dopamin, Serotonin und Noradrenalin. Eben diese spielen eine essenzielle Rolle bei der Entstehung von Abhängigkeiten und beim Verlieben! 

Nach dem Verlieben entsteht normalerweise eine stabile Beziehung, und dadurch entsteht schrittweise Bindung. Der Narzisst jedoch gelangt nie zu dieser Phase weil er im anderen nur das Instrument sucht, durch welches in ihm Dopamin gebildet werden kann. Von diesem Stoff ist er abhängig und er entsteht, weil er die Bewunderung und Verehrung durch den/die Partner/in genießt und auskostet. So stützt er seine innere Leere und die tiefe Unsicherheit seiner Persönlichkeit. Mehr braucht er vom anderen nicht, außer die Reflexion bzw. Bewunderung seiner Selbst und dabei bleibt jede seiner Beziehungen stecken. 

Artikel von Dr. Gaia Vitali
 
Quellen:
1.) Cloninger, C. R. (1986). A unified biosocial theory of personality and its role in the development of anxiety states. Psychiatric Developments, 3, 167- 226.
2.) Kealy D, Ogrodniczuk JS. Pathological narcissism and the obstruction of love. Psychodynamic Psychiatry. Springer 2014 Mar; 42(1):101-19.
3.) Sarah Ullman, PhD: The Neuroscience of Narcissistic Personality Disorder